Schönheitsideale

Etwa 900 Jahre dauerte der Brauch in China an, den Mädchen im Alter von fünf bis acht Jahren die Füße zu Lotusfüßen zu verstümmeln. Dabei wurden die gesunden Füße zunächst aufgeweicht und schließlich mit einem Stein gebrochen. Nur der große Zeh blieb unversehrt, die restlichen Zehen wurden unter den Fuß gebogen und mit nassen Bandagen verschnürt. Alle zwei Tage wurden nun die Binden gewechselt und die Füße mit immer neuen, nassen Bandagen umwickelt, die sich beim Trocknen weiter zusammenzogen. Damit sollte der Fuß auf eine Ideallänge von zehn Zentimetern verkürzt werden.
Oft wurden Keramikscherben, Schlamm und Würmer mit eingeschlossen, die den Fäulnisprozess der Füße unterstützen sollten, so dass diese irgendwann absterben und somit nicht mehr spürbar sein würden. Die Prozedur führten die Großeltern oder Mütter aus, die das Füße-Abbinden als notwendigen Vorgang im Sinne der herrschenden Schönheitsideale betrachteten, um das Kind gesellschaftsfähig zu machen.

Giraffen- Frau mit durch Messingringen verlängerten HalsIn Thailand werden den Mädchen Messingringe umgelegt, welche die Schultern und Nackenmuskeln herabdrücken und den Hals somit verlängern. Die langen, dünnen Hälse gelten als Schön und anmutig. Je mehr Messingringe den Hals in die Länge ziehen, desto begehrenswerter und gesellschaftlich angesehener ist die Dame. Würde man diesen Frauen die Ringe abnehmen, würde ihr Hals abknicken und ihnen somit den Tod bringen.

Im 18. Und 19. Jahrhundert wurden Korsetts dazu benutzt, die Taille nachhaltig zu verschmälern. Dabei schaffte es Ethel Granger ihren Taillenumfang auf 32,5 cm zu reduzieren. Eine normale Taille entspricht etwa 70 cm. Bei diesem Schönheitsideal führte die Wespentaille zu einem verformten Brustkorb, zusammengequetschten Magen, Lunge und Leber und war daher lebensgefährlich.

Die Schönheitsideale der verschiedenen Völker haben Frauen in ihrer physischen Gesundheit und Bewegungsfähigkeit eingeschränkt, verstümmelt und zur Hilflosigkeit verdammt. In gewissen Breitengraden und zu gewissen Zeiten galten diese Schönheitsideale als normal, und die damit verbundenen Modifikationen als erforderlich. Doch wie steht es mit den Schönheitsidealen heute? Niemand zwingt uns, unsere Hälse zu verlängern, die Füße zu verstümmeln oder ein Korsett zu tragen, doch sind wir dadurch von Schönheitsidealen losgelöst und somit unabhängig?

Noch vor 15 Jahren waren Schönheitsoperationen weitgehend undenkbar, doch heute wird uns auf Werbeplakaten, im Fernsehen und Internet klar gemacht, wie leicht es doch ist, etwas, das uns persönlich stört, zu verändern. Wir versuchen nach wie vor, einem Schönheitsideal zu entsprechen- und auf Fotos wird uns gezeigt, wie wir auszusehen haben. Eine schmale Nase, volle Lippen, faltenlos und immer jung, groß, schlank und mit einer schönen, straffen Oberweite. Der Weihnachtszettel ist voll und der Weihnachtsmann mit genügend Geld zu allem fähig.

Das Geschäft mit der Schönheit boomt und die emanzipierte Frau lässt sich weiterhin vorschreiben, wie sie auszusehen hat und welche Mode momentan aktuell ist.

Foto: © kgreggain, stock.xchng